Die weite Sargassosee von Jean Rhys

Die weite Sargassosee von Jean Rhys

Die weite Sargassosee ist kein gewöhnlicher Roman – sondern die Heimsuchung einer anderen Geschichte. 1966 erschienen, handelt er von Mr. Rochesters erster Ehe zu Bertha Mason, hier Antoinette Cosway. Sargassosee ist damit eine Gothic-Erzählung, die sich mit der dunklen Seite ihres Quellentexts, Jane Eyre, auseinandersetzt. Ihre Autorin, Jean Rhys, wurde selbst auf den Westindischen Inseln geboren, wo der Roman spielt. Als Tochter eines englischen Vaters und einer kreolischen Mutter gehörte sie zur privilegierten, weißen Bevölkerung, schrieb aber gleichzeitig vom geografischen Rand des britischen Empire. Die Beziehungen zwischen englischstämmigen, weißen und ehemals versklavten, schwarzen Charakteren sowie die damit einhergehende Unsicherheit und Misstrauen stellt sie mit persönlicher Einsicht dar. Damit bringt Die weite Sargassosee den Leser dazu, die kanonische Darstellung von Rochesters wahnsinniger Ehefrau und ihren zugrundeliegenden Rassismus zu überdenken.

Antoinette Cosway ist die Tochter einer weißen, kreolischen Familie auf Jamaica. Das Haus, in dem sie aufwächst, ist eine ehemalige Zuckerplantage, die, früher wohlständig, seit der Abschaffung der Sklaverei 1838 verfällt. Nachdem ihre Familie aufgrund des Todes ihres Bruders auseinanderbricht, wird Antoinette in ein Kloster geschickt. Als ein englischer Gentleman um ihre Hand anhält, wird sie von ihrem Stiefvater und –bruder mit einer ansehnlichen Mitgift verheiratet. Antoinette und ihr namenloser Ehemann (Mr. Rochester aus Jane Eyre) verbringen ihre Flitterwochen auf Granbois, einem Anwesen in den Bergen, das Antoinette geerbt hat. Ihr Mann fühlt sich dort nicht zuhause und misstraut bald den Bediensteten und später seiner Frau. Als Antoinette erkennt, dass ihr Ehemann sie nicht liebt, bricht sie zusammen. Rochester entscheidet, sie von allem zu trennen, was sie kennt und nimmt sie mit nach England, wo sie es, nach Jahren auf dem Dachboden eingesperrt, schafft zu entkommen und das Haus in Brand steckt.

Die Atmosphäre der Geschichte ist von Beginn an mit Spannung aufgeladen. Gefahr und Verfall lauern unter der Schönheit der karibischen Insel: „Unser Garten war groß und schön wie der in der Bibel – ein Lebensbaum wuchs darin. Aber alles war verwildert. Die Wege waren zugewachsen und der Geruch welker Blumen vermischte sich mit dem des frischen, lebendigen Grüns“ (S. 9-10). Es ist diese Zweideutigkeit, etwas Abstoßendes unter der Schönheit, das zugleich anwidert und anlockt, die sich in Beschreibungen des Settings, aber auch in den Beziehungen zwischen den Geschlechtern und ehemaligen weißen Herren und schwarzen Sklaven durch den Roman zieht. Das Schaurige dient als Erinnerung daran, worauf das britische Empire gegründet ist und wovon es immer noch heimgesucht wird.

Beispielsweise wirkt dieses Gefühl der Bedrohung auf Mr. Rochester von dem Moment an, als er auf Granbois eintrifft: „Alles hier ist zu viel, empfand ich, als ich müde hinter ihr her ritt. Zu viel Blau, zu viel Rot, zu viel Grün. Die Blumen zu rot, die Berge zu hoch, die Hügel zu nah. Und diese Frau ist eine Fremde“ (S. 73). Sieht er es zuerst in der Natur, weitet es sich bald auf die Bediensteten und seine Frau aus. Seine Gedanken sind dominiert von seiner auf Hautfarbe und Herkunft bezogene Paranoia und Kontrolle über Antoinette, die ihm immer fremder wird. Am Ende klingt er fast wahnsinnig:

„Wenn sie weint, werde ich sie in die Arme schließen meine Verrückte. Sie ist verrückt, aber mein, mein. Was kümmern mich die Götter oder der Teufel oder das Schicksal selbst. Wenn sie lächelt oder weint oder beides. Für mich. Antoinetta – auch ich kann sanft sein. Verbirg dein Gesicht. Verbirg dich, verbirg dich in meinen Armen. Bald wirst du sehen, wie sanft. Meine Verrückte“ (S. 199)

Rhys Darstellung von Rochester widerspricht dem schweigsamen, romantischen Helden des viktorianischen Romans, hinterfragt die Darstellung der wahnsinnigen Frau und bringt ihren zugrundeliegenden Rassismus ans Licht. Es ist keine Abrechnung als solche – für Antoinette gibt es keine Gerechtigkeit; ihr tragisches Ende bleibt dasselbe – sondern ein Versuch, die eng miteinander verflochtenen Beziehungen zwischen den Geschlechtern sowie zwischen weißen und schwarzen Menschen, auf denen das Empire gegründet wurde, aufzudecken. Daraus ist eine Erzählung entstanden, die seit einem Jahrhundert in einem der berühmtesten Werke der englischen Literatur schlummerte.

Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek

Erschienen bei Schöffling & Co. 2015

(Original: Wide Sargasso Sea, André Deutsch Limited, London 1966)

Rezension von Lena Amberge

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