Underground Railroad von Colson Whitehead

Underground Railroad von Colson Whitehead

Underground Railroad nannte sich das Netzwerk im Untergrund, das versklavten Menschen in den USA bei der Flucht geholfen hat. In seinem Roman Underground Railroad, erschafft Colson Whitehead eine tatsächliche Untergrundbahn, die seine Protagonistin Cora benutzt, um sich in die Freiheit durchzuschlagen. Cora ist in den Südstaaten der USA auf einer Baumwollplantage geboren und muss dort seit sie denken kann für einen weißen Master arbeiten. Zu allem Überfluss verschwindet eines Tages einfach ihre Mutter und Cora wird in die Unterkunft der als etwas komisch gewordenen versklavten Frauen gesteckt. Cora lebt zunächst mit der Aussicht, dass sich an ihrem grausamen Schicksal nichts ändern wird. So verbringt sie ihre Tage mehr oder weniger isoliert auf der Randall Plantage in Georgia ohne je einen Fuß woanders hingesetzt zu haben. Doch da tritt Ceasar in ihr Leben. Ceasar kann lesen und schreiben, er macht an den freien Sonntagen Holzarbeiten, um sich etwas dazu zu verdienen, und er klammert sich an die Idee einmal frei zu sein – das hatte seine alte Besitzerin ihm eigentlich versprochen, doch dann stand sein Freiheitsstatus einfach nicht ihrem Testament und er wurde verkauft. Ceasar will so schnell wie möglich fliehen und überzeugt Cora letztendlich mit ihm zu gehen.

Coras Reise führt sie quer durch die USA von Georgia nach South Carolina, über North Carolina nach Tennessee und Indiana und endlich weiter in den hoffnungsversprechenden Norden. Jeder Bundesstaat hat eigene Gesetze und stellt Cora vor neue Herausforderungen. Nicht nur die sich örtlich ändernden Schwierigkeiten treiben Cora zum weiterreisen, sondern auch Ridgeway, einer der gefürchtetsten Kopfgeldjäger. Überall ist ihr Ridgeway auf den Fersen – es hilft sogar nichts den Namen zu wechseln oder sich bei weißen auf dem Dachboden zu verstecken; er scheint ihr immer auf die Schliche zu kommen.

Colson Whitehead schafft es sehr eindrücklich einen Einblick in das grausame Ausmaß der rassistischen Strukturen der USA zu vermitteln. Es sind Strukturen, die fast kein Entkommen erlauben oder so perfide sind, dass einem schlecht wird. Whitehead beschreibt wie South Carolina eigentlich Schwarzen Menschen offen gegenüber schien. Doch dann stellt sich heraus, dass sich weiße Entscheidungsträger die Schwarzen Menschen ungefragt zu medezinischen Forschungszwecken missbrauchen, z.B. Frauen sterilisieren oder Männer mit Syphilis infizieren, um dann Behandlungsmöglichkeiten zu testen. Nach erschreckenden Erlebnissen in North Carolina und Tennessee, verspricht Indiana viel Hoffnung. Cora landet auf der Valentine Farm, dessen Besitzer schwarz ist und alle Leute, die dort wohnen, arbeiten freiwillig für Kost und Logis. Auf der Valentine Farm in Indiana zerstreiten sich die Schwarzen Bewohner*innen, es geht darum, wer noch alles aufgenommen werden kann. Damit thematisiert Colson Whitehead wohl eine der wichtigsten Fragen unserer Zeit – wie viel Platz gibt es an so genannten sicheren Orten und für wen? Underground Railroad ist ein Buch, dass sehr deutlich zeigt, dass Freund und Feind nicht in Schwarz und weiß einteilbar sind. Whiteheads Roman beschreibt ein kompliziertes Beziehungsgeflecht zwischen ganz unterschiedlichen Menschen, ein Geflecht, dass durch Gesetze und gängige Glaubensansätze noch verworrener wird.

Aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

Hanser Verlag, München 2017

(Englisches Original: Fleet, 2016)

Rezension von Anna von Rath

 

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